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Der Duft von Holz

Kati ter Horst verantwortet ein Umsatzvolumen von 3,3 Milliarden € und somit auch einen guten Teil von Finnlands wichtigstem Exportgut, Papier. Die Chefin der Paper Division bei Stora Enso im Gespräch mit Forbes.

Sie sind seit 2014 Executive Vice President, Head of Paper Division, für Stora Enso. Das Unternehmen zählt weltweit zu den Top-drei-Papierproduzenten. Sie selbst arbeitet für das Unternehmen seit 1998. Insgesamt haben Sie aber mehr als 20 Jahre in der Papierindustrie verbracht. Wann begann Ihre „Beziehung“ zum Produkt? Was reizt Sie daran so?

Begonnen hat es eigentlich damit, dass ich als Studentin im Sommer für eine Bank gearbeitet habe und meine Tante, die damals in einer Kartonfabrik tätig war, mich eingeladen hat, dorthin zu wechseln, weil die dort auch mehr zahlen würden. Das war mein Einstieg. Was ich rückblickend sagen kann und was mich heute noch anzieht: Ich mag das Handwerk, die Fertigung des Produkts. Ich mag den Duft von Holz, die Internationalität des Business, die Endprodukte, die überall Anwendung. Papierprodukte sind nach wie vor ein wichtiges Marketingvehikel, sie sind lebendige Produkte, die man von der technischen Fertigung über Design- und Druckmethoden zur Perfektion bringen kann. Und: Ich liebe Bücher und Magazine.

Ihre Division zählt mehr als 5.000 Mitarbeiter und 19 Papiermaschinen, Sie verantworten ein Verkaufsvolumen von 3,3 Milliarden €. In den vergangenen Jahren haben Sie Ups and Downs der Industrie miterlebt – vor allem auch die Einbrüche im Bereich Newsprint.

Bis 2007 stieg die Nachfrage kontinuierlich an – danach ereilte auch uns der gleiche Trend, der in den USA begonnen hatte. Die Digitalisierung hatte auch für uns Folgen, wir mussten restrukturieren. Sie müssen nämlich bedenken, dass man in dieser Industrie große Summen in Maschinen investiert und man ihre Verwendung nur sehr schwer verändern kann. Wir investieren in eine Papiermaschine rund 500 Millionen€. Das ist ein Investment, das wir auf mehr als 30 Jahre kalkulieren. Das stellt einen bei einem Rückgang der Nachfrage bzw. Veränderungen am Markt dann vor eine große Herausforderung. Rein technisch betrachtet bleibt eine Zeitungspapiermaschine nämlich eine Zeitungspapiermaschine – und wenn Sie ihren Zweck konvertieren wollen, dann bedeutetet das weitere Investitionen. Seit 2013 haben wir Maschinen für zwei Millionen Tonnen Papierkapazität konvertiert, verkauft beziehungsweise abgeschaltet.

In anderen Bereichen ging es wiederum besser, etwa im Kopierpapier-Bereich, der nicht so stark betroffen gewesen sein soll.

Sagen wir so: Der Bereich ist nicht gewachsen, er ist aber auch nicht so massiv zurückgegangen. Das hat uns eigentlich überrascht, da alle ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch vom papierlosen Büro gesprochen haben. Die Nachfrage hier ist aber relativ stabil geblieben.

Zu lesen war jedenfalls, dass Sie es 2016 geschafft haben, das Betriebsergebnis Ihrer Division um 40 Prozent zu steigern. Wie haben Sie das gemacht?

Das ist richtig. Die 40 Prozent Steigerung sind das Ergebnis eines Fixkostenreduktionsprogramms über 40 Millionen €, das wir das gesamte letzte Jahr gefahren haben. Ich habe schon einige dieser Ups and Downs durchgemacht – es ist nicht immer einfach, das Notwendige zu tun und auch die Umsätze zu halten.

Ein Unternehmen zu managen, wenn alles rundherum gut ist – das kann ja im Grunde jeder.

Es wird behauptet, dass jene Topmanagement-Jobs, die mit Frauen besetzt werden, auch jene sind, die für Männer weniger attraktiv sind – weil diese oft als Schleudersitze gelten …

So höre ich das zum ersten Mal. Ich denke, dass die Jobs, in denen man restrukturieren muss, ganz allgemein nicht die beliebtesten sind. Aber ein Unternehmen zu managen, wenn alles rundherum gut ist – das kann ja im Grunde jeder. Seine Kompetenzen kann man dann beweisen, wenn es wirklich schwierig wird.

Wie viel investiert Ihr Unternehmen in F&E, Forschung und Entwicklung? Und: Gibt es aktuell Forschungsaktivitäten für neue, innovative Formen der Faser?

Unser Ziel ist es, alles aus Holz herstellen zu können. Dazu forschen wir auch viel und haben Kooperationen mit Universitäten und Forschungszentren. Wir können zum Beispiel schon ganz transparentes Material, ähnlich Plastik, herstellen. Im Bereich der erneuerbaren Materialien stehen wir aktuell bei einem Nettoumsatz von zehn Milliarden € – davon entfallen 30 Prozent auf Papier. Wir arbeiten da an unterschiedlichen Produkten. Rund zwei Prozent unseres Umsatzes stecken wir in F&E. Das ist in unserer In­dustrie ein Durchschnittswert.

Papier ist eines der wichtigsten Exportgüter Finnlands. Da sitzen Sie in einer mächtigen Position in einer sonst doch männerdominierten Branche. Ist das auch für finnische Verhältnisse ungewöhnlich?

Ich kenne zwar die genauen Zahlen nicht, aber ja, ich würde sagen, die Papierindustrie ist männlich dominiert. Das rührt wohl auch aus der Geschichte her, als die Fertigung und das Arbeiten an den Maschinen – vom rein physischen Kraftaufwand betrachtet – von Männern abgedeckt wurde und auch größtenteils noch wird. Gesamt betrachtet liegt der Anteil der Frauen bei Stora Enso bei 26 Prozent. Die meisten davon sind aber im Verwaltungs- oder Backoffice-Bereich tätig. In den vergangenen Jahren kamen mehr Frauen – auch in den sogenannten Führungspositionen. Das ist aber ein Ergebnis unserer Haltung zu Diversität im Allgemeinen – da sprechen wir über Bildung, Nationalität und zum Beispiel auch Alter. Das Managementteam zählt zwölf Mitglieder, fünf davon sind Frauen. Und in meinem Team sind fünf von insgesamt neun Führungskräften Frauen. Auf Senior-Manager-Ebene sind bei Stora Enso 21 Prozent weiblich.

Die nordischen Länder werden in Sachen Gender Balance oft als europäisches Vorbild gesehen. Was machen Sie anders? Gibt es Vorgaben, die restriktiver sind?

Dazu kann ich eigentlich gar nichts sagen, weil ich die meiste Zeit im Ausland gearbeitet habe und eigentlich die kürzeste Zeit jetzt in Finnland. Was ich aber sagen kann, ist, dass wir es hier gewohnt sind – und zwar seit jeher –, dass sowohl Männer als auch Frauen berufstätig sind. Wir sind ja insgesamt betrachtet als Finnen nicht so viele, Frauen waren also am Arbeitsmarkt stets gefragt. Meine Mutter hat auch Vollzeit gearbeitet. Kulturell betrachtet würde ich sagen, dass unsere Gesellschaft grundsätzlich davon ausgeht, dass Frauen wie Männer arbeiten. Dementsprechend sind auch Schulen oder Kinderbetreuungseinrichtungen ausgestaltet. Vielleicht trägt das zu dieser positiven Entwicklung bei.

Ich habe in vielen unterschiedlichen Projekten quer durch das Unternehmen gearbeitet, was mir zu Sichtbarkeit verholfen hat.

Was, denken Sie, hat Ihre Karriere gepusht? Hatten Sie Mentoren?

In späteren Jahren hatte ich ein paar Mentoren, ja. Was mir aber am meisten geholfen hat, war, dass ich viele gute Chefs hatte, die mein Potenzial erkannt haben. Zudem habe ich in vielen unterschiedlichen Projekten quer durch das Unternehmen gearbeitet, was mir zu Sichtbarkeit verholfen hat. Ich habe meine Karriere eigentlich nie geplant, aber ich habe immer Ja gesagt, wenn eine spannende Aufgabe zu tun war.

Noch einmal zurück zum Papier. Wir sprechen in Europa nach wie vor von einem 18-Milliarden-€-Geschäft. Man kann also noch gut Geld machen – die Frage ist, wie lange noch?

Die realistische Sicht ist, dass die Nachfrage weiter sinken, sich aber auf niedrigerem Niveau einpendeln wird. Ich glaube nicht daran, dass Papier einfach verschwindet, ich glaube an eine Koexistenz von Print und Digital, weil wir auch sehen, dass rein auf Digital spezialisierte Produkte sich auch nicht am Markt halten. Bis jetzt hat es sich stets bewährt, ein „anfassbares“ Produkt zu haben, um die Marke lebendiger zu transportieren; wenn Sie zum Beispiel an die vielen Kataloge von Möbelhäusern denken oder generell an den Handel, der an Papier glaubt. Aber Papier wird weiter weniger werden – und wir müssen uns auf diese Zeiten gut vorbereiten. Im Augenblick aber ist das Business noch so groß, dass man dort gutes Geld verdienen kann. So geht es aber nicht nur uns, sondern auch anderen Industrien, die groß sind, aber nicht mehr wachsen.

Packaging als Sektor wird aber weiter wachsen, oder?

Ja, davon gehe ich aus. Nicht zuletzt wegen der Möglichkeiten im Onlineshopping. Wir arbeiten zudem auch im Lebensmittelverpackungs- und im Baubereich. Von den fünf Divisionen, die wir bei Stora Enso haben, wachsen alle – außer Papier.

Welchen Rat geben Sie Frauen, die am Karrierebeginn stehen?

Anerkenne den Wert deiner Kompetenzen, habe Mut, dich in unterschiedlichen Feldern auszuprobieren, damit du möglichst früh herausfindest, worin du gut bist, und vor allem, was du magst. Wir arbeiten so viele Jahre, dass es vor allem wichtig ist, dass man das, was man tut, gerne tut. Und: Sei nicht ängstlich.

Kati ter Horst
Die 1968 geborene Finnin ist seit über 20 Jahren in der Papierindustrie tätig. Sie stieg 1996 bei Stora Enso ein und war dort in verschiedenen Projekten wie auch Positionen tätig. Seit 2014 ist sie dort Executive Vice President, Head of Paper Division, und verantwortet ein Verkaufsvolumen von 3,3 Milliarden €. Kati ter Horst ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Fotos: Aleksi Poutanen

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Chief Editorial Team

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