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Die Progressivistin

Lajuanda Asemota setzt sich täglich mit dem Mindset von Unternehmern, Kollegen und Bewerbern zu Diversität und Inklusion auseinander. Was man glaubt, ist wichtig, viel wichtiger ist aber, was man dafür tut. Ginge es nach ihr, würde die Vielfalt der Bewerber, der Mitarbeiter oder der Tech-Szene im Silicon Valley keine Grenzen kennen.

Dass Lajuanda Asemota Sportlerin ist, sieht man sofort. Obwohl bei der 30-Jährigen vor ein paar Monaten eine chronische Krankheit, die sich auf die Wirbelsäule schlägt, diagnostiziert wurde, versucht sie, nach wie vor zumindest einmal in der Woche zu trainieren. Sportlicher Ehrgeiz war es auch, der sie an die Singularity University in eine führende Position gebracht hat. Seit zwei Jahren ist sie dort Director for Diversity and Inclusion.

2008 haben Peter Diamandis und Ray Kurzweil – der eine Vordenker in Sachen Weltraum, der andere in Sachen Singularität – den Thinktank, die Singularity University, gegründet. Sie bietet zehnwöchige Sommerprogramme mit verschiedenen Kursen an und wurde um einen Inkubator für Corporates und Start-ups erweitert. Basis ist Ray Kurzweils Theorie der technologischen Singularität: Sie beschreibt den Zeitpunkt, an dem eine künstliche Superintelligenz eine Ära des rasanten technologischen Fortschritts und Wachstums einläuten wird, in dem die Veränderungen für die menschliche Zivilisation nicht abschätzbar sind. Ist man einmal an diesem Punkt, so Kurzweil, ist die maschinelle Intelligenz nahezu endlos stärker als alle menschliche Intelligenz kombiniert.

Die Singularity University passt mit ihren Schwerpunkten perfekt an ihren Standort, den NASA-Campus: Zukunftsstudien, Netzwerke und Computersysteme, Biotechnologie und Informatik, Nanotechnologie, Medizin, Neurowissenschaften und Human Enhancement, Künstliche Intelligenz, Roboter, Energie und ökologische Systeme, Weltraum und Physik, Politik, Jura und Ethik sowie Finanzen und Unternehmertum. Gesponsert wird das Ganze von Unternehmenspartnern wie etwa Google oder Nokia.

Dass hier wohl einmal geheime Projekte abgewickelt wurden, oder der Wettlauf gegen die Russen, wer es zuerst ins All schafft, stattfand, kann man sich nur allzu gut vorstellen, wenngleich es heute eher ruhig wirkt. Trumps Privatjets und die anderer wichtiger Personen sollen hier landen, sagt man, weil man die Landungen hier überwachen kann; ansonsten scheint es so, als wäre nicht allzu viel los auf dem Gelände. „Ja, ein paar Menschen wohnen noch hier“, erklärt Lajuanda. Ihr gefällt es, hier zu arbeiten.

Sie sind seit sieben Jahren an der Singularity University. Was hat Sie hierher gebracht?

Wo soll ich anfangen – wie viel Zeit haben wir? (lacht) Ich war an der Berkeley (University; Anm.) und in zwei Studien eingeschrieben. Im letzten Semester hatte ich 22 Fächer belegt und drei Jobs. Ich hatte auch einige außeruniversitäre Aktivitäten und dann bekam ich Probleme mit meiner Gesundheit. Also brauchte ich eine Pause vom Leben und habe ein Programm gemacht, in dem angehende Führungskräfte einen Freiwilligendienst im Ausland machen.

Wir haben verschiedene Städte bereist, die meiste Zeit aber war ich in einer Ecolodge (ein Hotel oder eine Unterkunft, die den geringstmöglichen Impact auf die Natur garantieren möchte; Anm.) im tropischen Nebelwald. Wir haben den lokalen Kunsthandwerkern dabei geholfen, Schmuck zu machen, wir haben auch auf einer Kaffeeplantage gearbeitet. Wir taten ganz unterschiedliche Dinge. Nach Berkeley und vor Singularity habe ich mit vielen verschiedenen kleinen Non-Profits gearbeitet und habe sie bei Marketing­Angelegenheiten unterstützt; meistens waren das bildungsorientierte Non-Profits oder jene, die sich der sozialen Entwicklung verschrieben haben.

Dann habe ich diese Annonce entdeckt für ein Praktikum für eine Bildungs- und Tech-Konferenz für den logistischen Bereich – das war im Dezember 2011 –, und seitdem bin ich hier. 2012 durfte ich die Logistik koordinieren für eines unserer Flaggschiff-Programme, das Global Solutions Program.

Was ist hier so besonders?

Zum Beispiel hat jeder neben seiner Profession einen gänzlich anderen Fokusbereich. Zum Beispiel ist die Frau, die hier den internationalen Konferenzbereich leitet, auch Malerin – sie ist eine richtige Künstlerin! Oder unsere Chief Impact Officer, die mich angestellt hat, ist in der Weltraumindustrie, eine Physikerin. Die Gemeinschaft hier ist richtig reich an Persönlichkeiten und Perspektiven – das hat mich angezogen und das hält mich auch hier.

Die Gemeinschaft ist sehr organisch und global gewachsen.

Was macht das Ihrer Meinung nach mit der Kultur hier?

Es gibt viele Werte, die sehr global gedacht und gelebt werden. Womöglich ist das ein Henne-Ei-Ding, weil niemand gesagt hat: „Okay, wir wollen jetzt, dass unsere Werte so sind, wie sie sind!“ Die Gemeinschaft ist sehr organisch und global gewachsen. Man hat also diese sehr diverse Gemeinschaft an Menschen, die von überall herkommen und all diese unterschiedlichen Expertisen anbieten, und ich glaube, dieser Reichtum fußt einfach in dieser inklusiven Gemeinschaft. Was das mit unserer Kultur gemacht hat, ist, denke ich, eine gemeinsame Verantwortung, auf eine ganz unverbindliche Art, die gleichzeitig eine sehr flexible, bewegliche und vielfältige Gemeinschaft fördert. Das ist es wirklich, was die SU (Singularity University) ausmacht und wohl auch trägt und erhält. Viele der Konversationen, die wir hier führen, sind sehr technisch und zukunftsorientiert. Für mich waren das immer Dinner-Time-Konversationen – ich fühle mich hier sehr wohl. Meine Mutter war für mich ein Vorbild, als ich ein kleines Mädchen war. Sie war Professorin, und als ich acht war, habe ich mit ihr einen Computer gebaut. Sie hat mir wirklich viel beigebracht. Vor allem, dass dich Technologie zum Erschaffer von etwas macht. So habe ich das seitdem immer gesehen, das ist auch die Linse, durch die ich das ganze Thema betrachte: Technologie befähigt Menschen, Dinge zu erreichen, die sie selbst nicht glauben.

Ein diverses Team erhöht den Return für den Shareholder. Es erhöht die Wirksamkeit entwickelter Produkte. Man sollte mit den Menschen, für die man sie macht, auch irgendwie zusammenarbeiten.

Es gibt ja viele Meinungen zu Diversität und dazu, wie sie eine Organisation verändert. Was ist Ihr Standpunkt dazu?

Ich schaue mir Best Practices, Diversität und Inklusion als Innovationsmethoden an. Innovation ist ja hier im Silicon Valley ein regelrechtes Buzzword, das sich in der ganzen Welt verbreitet hat. Es gab Zeiten, da war Design Thinking DIE Innovationsmethode. Oder die Lean-Start-up-Methodik. Wenn ich also über Inklusion nachdenke, dann als Innovationsmethode. All diese Studien – es gibt eine großartige von Harvard Business Review oder von Catalyst – zeigen, dass ein diverses Team den Return für Shareholder erhöht. Es erhöht auch die Wirksamkeit entwickelter Produkte. Man sollte mit den Menschen, für die man sie macht, auch irgendwie zusammenarbeiten.

Wie setzen Sie das um?

In drei Bereichen: Einer betrifft den Zugang; er wird in höherer Bildung schon seit Dekaden diskutiert. Das Thema ist in höherer Bildung sehr populär. Tech rutscht gerade zunehmend in diese Diskussion. Es geht darum, Menschen aus aller Welt in unterschiedlichsten Lebenslagen Zugang zu Instituten zu geben. Der zweite ist die Auseinandersetzung mit der Gemeinschaft und den Organisationen, die rund um Diversität allgemein oder in den MINT-Fächern arbeiten. Und wiederum zu erarbeiten, wie wir uns in puncto Inklusion und Innovation positionieren. Der dritte Bereich ist die eigene Infrastruktur. Man kann nichts verändern, was man nicht messen kann. Also sammeln wir Daten zur Vielfalt der Belegschaft – wie sehen die Demografie und die Gehälter aus? Wer bewirbt sich für die Programme und wer wird aufgenommen? Wir wollen auch Menschen Zugang verschaffen, die nicht ins Silicon Valley kommen können, und bieten auch Onlinekurse an. Es gibt so eine Wahrnehmung, dass das Silicon Valley ein Monopol auf das Innovationsthema hat. Das finde ich etwas arrogant – unsere Community ist da anders orientiert.

Wir sind Kreaturen der Gewohnheit und Muster. Die Zustimmung für Diversität und Inklusion ist hier nur auf theoretischer Ebene vorhanden. Es gibt einen Mismatch, das in die Praxis umzusetzen.

Was ist Ihre Perspektive aufs Silicon Valley – auch im Lichte der derzeitigen Diskussion über die mangelnde Diversität?

Ich glaube, dass es sehr schnell sehr einfach ist für Menschen – wir sind ja Kreaturen der Gewohnheit und Muster –, in das Gewohnte zurückzufallen. Wenn man das nicht möchte, muss man sich ständig aus diesem Mindset hinausdrängen. Das ist eines der härtesten Dinge an Diversität und Inklusion. Das Schwierige in Kalifornien ist, die Menschen hier sind sehr liberal und glauben, dass sie mit dir d’accord gehen. Die Zustimmung ist aber nur auf theoretischer Ebene vorhanden. Es gibt einen Mismatch, das in die Praxis umzusetzen. Die Gefahr, in die Mittelmäßigkeit zurückzufallen, ist sehr groß. Im Silicon Valley geht es wirklich darum, wie man Mindsets verändert, von „Wir verstehen das Thema“ hin zu „Wir setzten um und verändern“. Die Menschen, die Diversitätsprogramme anstoßen, kämpfen dafür jeden Tag, und es ist gleichzeitig definitiv Teil vieler Unternehmen hier im Valley. Wenn man an Google oder Apple denkt: Sie sind globale Marken; sie sind gebaut, um global divers zu sein, und ich glaube, sie haben das Bedürfnis, das mehr zu erfüllen.

Was sagen Sie zum Manifest, das ein Google-Entwickler intern veröffentlichte, Frauen seien nicht fürs Programmieren gemacht?

Google hat klar gemacht, wie wichtig ihnen Inklusion ist, und mehr und mehr verstehen auch die Menschen rundherum, wie wichtig das für ihr Geschäft ist. Und dass die Menschen, die für sie arbeiten, glücklich sind.

Lajuanda Asemota
hat an der Berkeley-Universität in Kalifornien ein Doppelstudium in Marketing und Werbung und Afroamerikanischen Studien mit einem Master abgeschlossen. Sie ist in Oakland bei ihrer Mutter aufgewachsen und in der Jugend nach Texas in eine kleine Stadt gezogen. Sobald sie konnte, zog sie von dort weg, sagt sie. Die 30-Jährige ist außerdem leidenschaftliche Volleyballerin und interessiert sich für Tech – ihre Mutter war Professorin, mit acht baute sie gemeinsam mit ihr ihren ersten eigenen Computer. Nach wie vor lebt ihre Mutter in Texas, Lajunda lebt seit einigen Jahren wieder in Kalifornien.
NASA Research Campus
Der ehemalige NASA Research Park in Kalifornien ist ein F&E-Campus für die Industrie, Akademien, Non-Profits und die Regierung. 70 Partner sitzen dort – vorwiegend technologieorientierte Unternehmen. Seit der Gründung 2008 sitzt auch die Singularity University hier. Mittlerweile hat sie 73 Chapters, also Gruppierungen, auf der ganzen Welt.

Fotos: Christian Peacock

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Editorial Team

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