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Die Linzer Ärztin Sophie Chung will mit ihrem Berliner Start-up Junomedical Patienten die Möglichkeit eröffnen, medizinische Dienstleistungen im Ausland zu nutzen.

Es gibt Menschen, denen vor lauter Gedanken die Worte nur so aus dem Mund sprudeln. Sophie Chung gehört zu dieser Sorte Mensch. Sie spricht schnell und dabei voller Überzeugung, vor allem, wenn die Sprache auf ihr Start-up Junomedical kommt. Dabei ist vom Linzer Dialekt, den Chung aufgrund ihrer Herkunft aus der oberösterreichischen Hauptstadt eigentlich haben sollte, nur noch wenig zu spüren.

Das ist nicht weiter verwunderlich, wohnt die 34-Jährige doch in Berlin – Und auch zuvor kam sie viel herum. Chung, deren Eltern aus Kambodscha stammen, ging nach der Matura nach Wien, um Medizin zu studieren. Es folgte ein Aufenthalt in den USA, wo sie in der Stammzellenforschung tätig war.

Nach diesem USA-Aufenthalt ging die junge Österreicherin nach Peking, da sie neben Medizin auch Sinologie studierte. Es folgte eine kurze Zeit in Australien, bevor sie nach ihrer Rückkehr nach Wien beim Beratungsunternehmen McKinsey anfing – ein etwas ungewöhnlicher Schritt für eine ausgebildete Ärztin.

Um Geld für den Studienabschluss zu verdienen, machte Chung ein Praktikum bei McKinsey. Nach dem Abschluss dockte sie fix beim Strategieberater an.

„Ich wollte immer schon Ärztin werden. In den Ferien vor meinem Studienabschluss musste ich noch etwas Geld verdienen, und als Medizinstudentin ist das ja nicht ganz so einfach. Ich machte also ein Praktikum bei McKinsey. Und nachdem ich dann mit 24 Jahren mit dem Studium fertig und noch recht jung war, bekam ich ein Jobangebot und wollte das rein aus Interesse mal eine Zeit lang machen. Als Ärztin wollte ich dann später arbeiten.“

Aus „eine Zeit lang“ wurden fünf Jahre, bevor Chung sich wieder der Medizin zuwandte. Sie heuerte beim Health-care-Start-up ZocDoc in New York an, das über eine App freie Termine bei Ärzten anbietet. „Ich hatte damals schon eine ähnliche Idee und wollte ein eigenes Unternehmen gründen. Ich konnte einfach nicht verstehen, dass man heutzutage keinen freien Termin bei einem Arzt bekommt. Im Zuge meiner Recherche stieß ich dann auf ZocDoc, bekam einen Job und zog nach New York um.“

Die Idee, mittels Technologie die Situation von Patienten zu verbessern, ließ mich einfach nicht mehr los.

Nach zwei weiteren Jahren in den USA kehrte sie nach Europa, genauer gesagt nach Berlin, zurück. „Die Idee, mittels Technologie die Situation von Patienten zu verbessern, ließ mich einfach nicht mehr los“, so Chung. Doch statt freier Termine wollte sie Kunden die Möglichkeit eröffnen, eine kostspielige oder mit langer Wartezeit verbundene Dienstleistung statt in ihrem Heimatland im Ausland in Anspruch zu nehmen. Ende 2015 gründete Chung so die Junomedical GmbH.

„Und dann war ich zur richtigen Zeit einfach am richtigen Ort“, sagt Chung. Denn der deutsche Frühphaseninvestor Project A war Ende 2015 auf der Suche nach einem Investment im Bereich Healthcare – und Chung konnte die Investoren mit ihrer Idee überzeugen. Einen sechsstelligen Betrag, 14 Mitarbeiter und vier Monate später startete Junomedical offiziell.

Wir wollen wachsen und global agieren, daher ist der Standort unseres Büros eigentlich nicht so wichtig.

Die Frage, ob man in einer anderen Stadt als Berlin nicht mehr bewirken könne, verneint Sophie Chung: „Wir wollen wachsen und global agieren, daher ist der Standort unseres Büros eigentlich nicht so wichtig. Doch unsere Mitarbeiter müssen gut ausgebildet und auch medizinisch bewandert sein, um jede mögliche Frage der Kunden kompetent beantworten zu können. Und um diese Talente zu bekommen, ist Berlin ein guter Platz.“

Mit der Entwicklung von Junomedical ist Chung zufrieden. „Einige Tausend Kunden haben unsere Seite bereits besucht, mit einigen Hundert haben wir telefoniert.“ Doch welche Schwierigkeiten ein international agierendes Start-up haben kann, zeigt sich derzeit im Falle von Junomedical anschaulich. Denn die Kernmärkte sind derzeit vorrangig englischsprachig, vor allem aus Großbritannien kommt viel Aktivität. Stichwort Brexit.

„Regulatorisch ist das eigentlich noch kein Problem. Doch da wir unsere Preise in Euro anbieten und sie dann zum Wechselkurs in Pfund umgerechnet werden, sind unsere Behandlungen wegen des schwachen Pfunds derzeit um rund zehn Prozent teurer. Bisher gab es noch kaum Reaktionen, aber es kann sein, dass Kunden von ihren Käufen zurücktreten.“

Alleine in den USA werden vom Staat etwa drei Billionen US-$ pro Jahr in dem Bereich ausgegeben, 2018 soll fast ein Fünftel der US-Wirtschaftsleistung auf die Gesundheitsbranche entfallen.

Doch bei allen Schwierigkeiten bietet ein globaler Horizont in der Gesundheitsbranche natürlich auch ein riesiges Potenzial. Alleine in den USA werden vom Staat etwa drei Billionen US-$ pro Jahr in dem Bereich ausgegeben, 2018 soll fast ein Fünftel der US-Wirtschaftsleistung auf die Gesundheitsbranche entfallen. Und bis 2020 soll auch China eine Billion US-$ pro Jahr für medizinische Dienstleistungen und Produkte ausgeben. Selbst das kleine Österreich hat 25 Milliarden € pro Jahr an Gesundheitsausgaben.

Dazu kommen die demografischen Entwicklungen. Die Gesellschaft wird immer älter, bis 2030 steigt die Zahl der über 60-Jährigen laut den Vereinten Nationen um rund 56 Prozent. Zudem verringern sich durch moderne Transportmittel sowohl Reisezeit als auch -kosten. All das könnte Junomedical in die Hände spielen. Der Markt für Medizinreisen, auf den sich das Jungunternehmen konzentriert, wird auf 60 Milliarden US-$ geschätzt. Wegen der schon erwähnten Faktoren dürfte die Tendenz in Zukunft stark steigend sein.

„Es gibt zwei Klischees bezüglich Medizintourismus: Einerseits der reiche Russe, der sich in Österreich behandeln lässt, andererseits Frauen aus den USA, die sich in Thailand billig die Brüste operieren lassen. Wir wollen aber im Gegensatz dazu Leuten wirklich helfen und legen viel Wert auf eine hohe Qualität.“ Das Problem etwa des Transports von Schwerkranken ins Ausland sieht die Gründerin nicht als solches. „Wir wollen ja niemanden zwingen, ins Ausland zu gehen. Wir wollen eine Alternative zum bestehenden System bieten – und nur, wenn wir die bessere Option sind, sollen die Patienten Junomedical auch nutzen.“

Auch die Frage der Qualitätssicherung sieht sie gelassen. Denn vor allem der Auswahlprozess der Partnerkrankenhäuser – übrigens auch die Einnahmequelle, denn die Krankenhäuser bezahlen Junomedical für die Vermittlung von Patienten – ist laut Chung rigide. Als junges Start-up kann man sich, so Chung, „vor allem am Anfang keine Fehler erlauben“.

Neben den richtigen Rahmenbedingungen, auch internationale Patienten behandeln zu können (etwa mithilfe von Englisch sprechenden Ärzten), spielen auch die Qualität der Ärzte, Patientenbewertungen, mögliche vergangene Skandale und die Einschätzung von Ärzten eine Rolle. Das alles kommt in einen Bewertungsalgorithmus: Nur die Krankenhäuser, die über einen gewissen Schwellenwert kommen, werden dann kontaktiert.

In sieben Ländern – Deutschland, Türkei, Thailand, Mexiko, Polen, Indien und Ungarn – unterhält Junomedical derzeit Partnerschaften mit Krankenhäusern. „Das sind moderne Spitäler in Ländern, wo man einen solchen Standard vielleicht nicht unbedingt erwarten würde. Man hat dort das Gefühl, in die Berliner Charité oder ins Wiener AKH zu kommen. Auch die Ärzte sind top ausgebildet.“

Die Zahl der Länder, in denen es Partnerkrankenhäuser gibt, soll laut Chung steigen. Doch obwohl das Unternehmen möglichst global agieren will, ist der gebürtigen Linzerin zu Beginn ein anderer Faktor wichtiger. „Ich werde oft gefragt, in wie vielen Ländern wir in Zukunft aktiv sein wollen. Doch die Anzahl an Krankenhäusern oder neuen Märkten lässt sich leicht und vor allem auch schnell steigern. Was man aber nicht schnell bekommt, ist das Vertrauen der Patienten. Und das brauchen wir, denn wenn wir das haben, kommen sie auch wieder zu uns zurück und buchen erneut Dienstleistungen über Junomedical.“

Kundenbindung steht also ganz oben auf dem Wunschzettel der Gründerin. Ob sie denn irgendwann auch wieder als Ärztin arbeiten will? „Ich habe es für mich noch nicht ausgeschlossen. Ich bin aber derzeit sehr glücklich in meiner Rolle, auch wenn das Gründerleben natürlich oft schwierig ist. Aber ich werde immer auch wehmütig, wenn ich Krankenhäuser betrete – vielleicht werde ich ja irgendwann mal wieder als Ärztin tätig sein.“ Und in der Zwischenzeit? Da hat Sophie Chung die Chance, sich nicht weniger als 60 Milliarden US-$ unter den Nagel zu reißen. 

Sophie Chung
In Linz geboren und aufgewachsen – ihre Eltern waren kambodschanische Flüchtlinge –, ging Sophie Chung nach der Schule nach Wien, um Medizin zu studieren. Währenddessen forschte sie in den USA im Bereich Stammzellen und verbrachte wegen ihres parallel laufenden Sinologie-Studiums einige Zeit in Peking. Nach dem Abschluss arbeitete sie in Australien und wechselte nach ihrer Rückkehr in die Privatwirtschaft zum Strategieberater McKinsey. Dort war sie fünf Jahre lang tätig, bevor sie für zwei Jahre beim Healthcare-Start-up ZocDoc anheuerte. Ende 2015 gründete sie in Kooperation mit dem VC-Investor Project A das Start-up Junomedical in Berlin, der offizielle Launch erfolgte im April 2016.

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Chief Editorial Team

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